Presse
Kunsthochschule Kassel
Kunst an vergessenen und unbekannten Orten
Von Claus Peter Müller, Kassel
15. Juli 2009 Die Szenerie bildete den idealen Drehort für einen „Tatort“. Am Rande eines Gewirrs von Gleisen, auf denen keine Züge fahren, lockt das überlebensgroße Bild einer hübschen, jungen Frau in eine finstere Halle, die erst auf den zweiten Blick als Sportstätte zu erkennen ist. Die Frau ist blond, wirkt zart und ist weiß gekleidet. Stumm steht sie auf der Leinwand. Vor ihr hängt ein Boxsack. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Sack und Frau? Und wenn ja, welchen? Auskunft gibt nur ein Versuch.
Trifft die Faust den Sack, taumelt die Frau wie getroffen auf der Leinwand. Je nach Härte und Fortsetzung der Schläge stöhnt die Frau. Sie schreit, sie fällt, sie blutet. Sie wehrt sich nicht, sie steht geschunden wieder auf, sie taumelt nach einem weiteren Schlag abermals. Nach einem letzten Schlag stürzt sie. Sie stirbt nicht, aber sie regt sich nicht mehr. Alles vollzieht sich im öffentlichen Raum.
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„Hit me“ heißt diese Arbeit von Labelle Imira, die in Berlin an der Universität der Künste studiert hat, ihre Meisterarbeit aber bei Joel Baumann an der Kasseler Kunsthochschule vorgelegt hat. Sie ist eine jener Kasseler Kunststudenten, die gegenwärtig ihre Stadt besetzen. An 22 Orten zeigen die Absolventen dieses Jahresgangs der traditionsreichen Kunsthochschule bis zum 18. Juli ihre Abschlussarbeiten.
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Verschränkung von Realität und Virtualität
„Hit me“ entstand aus der Leidensgeschichte der Künstlerin Imira und ihrer siebzehn Jahre alten Hündin. Als der Hund erkennbar alt und krank geworden war, redeten Passanten und Bekannte auf die Hundehalterin ein, sie solle den Hund einschläfern lassen, ihn nicht mehr quälen, seinem Leben ein Ende setzen. Die junge Frau bekannte sich aber zu ihrem Tier auch am Ende seiner Tage. Sie blieb den Menschen gegenüber stumm, erwiderte nicht, was sie empfand. Sie ertrug die Ratschläge, Vorwürfe und aggressiven Angriffe, die sich im öffentlichen Raum auf sie entluden. Aber sie litt. Jeder Hinweis eines Dritten auf das Leiden des Hundes vergrößerte ihren Schmerz.
Ihr Leiden war die Grundlage ihrer Meisterarbeit. Über ein halbes Jahr zeichnete sie Videosequenzen auf, in denen sie taumelte, stürzte, schrie, stöhnte und blutete. 800 Sequenzen bilden das Datenmaterial, aus denen der Computer auf jeden Schlag die passende Reaktion kombiniert. Wie beim Gassigehen mit dem Hund wehrt sich Labelle Imira nicht. Ihre Erfahrung ist, dass Frauen fester, härter, länger und vielfach auch mit Freude zuschlagen. Männer lassen meist sogleich vom Boxsack ab, wenn sie bemerken, dass sie verletzen, empfinden Scham und Schuld, wenn sie erkennen, was geschieht.
Das ist Kunst, die jeder versteht, die kaum einer Erklärung bedarf. Sie verbindet Schauspiel und Film, das Leben mit der Leinwand. Sie zwingt zur Selbstreflexion, sei es in der Halle vor dem Boxsack oder bei der nächsten Begegnung mit einem leidenden Menschen, den der ungebetene Ratschlag wie ein K.o.-Schlag innerlich zu Boden gehen lässt. In einem Hinterzimmer der alten Turnhalle am Hauptbahnhof dokumentieren Philipp Teister und Kim Asendorf, wie sich Realität und Virtualität im Alltag verschränken. Auch ihre Kunst ist ein soziales Projekt. Sie halten den Menschen den Spiegel vor. Im Internet schufen sie zwei „Accounts“, zwei Zugänge zu Skype, einer Möglichkeit, sich weltweit in Bild und Ton mit Mikrofon und Kamera, aber auch mit Kamera und Schriftverkehr von Computer zu Computer auszutauschen. Sie schufen die Accounts der realiter nicht existenten „Sonja und Silke“ und zeigten sich – als junge Männer – selber nicht. Die Partner im Netz kamen schnell zur Sache, fragten Sonja und Silke sogleich nach Sex.
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Spaziergang 09 in Kassel
Der ausgestellten Kunst tut dies keinen Abbruch: Auch in diesem Jahr gibt es Hochkarätiges zu sehen. Dabei lohnt sich besonders ein Abstecher in die “Turnhalle”, nahe des Hauptbahnhofs. Hier treten die Neuen Medien an, das Kunstspielfeld unsicher zu machen. An der Ausstellung kann auch vom heimischen Computer aus partizipiert werden:
“tweaker” von Tobias Hellwig materialisiert Twitter-Nachrichten zu Sound. Schicke eine Nachricht von deinem Twitter-Account an @turnhalle und dein Post wird über einen Lautsprecher in der Halle ausgerufen. Noch bis zum 18.07 kann man sich auf diese Weise Gehör verschaffen, flanieren, verweilen.
Der Pulsschlag der Kunst
Diese Kunst ist auf der Höhe der Zeit, dicht dran an aktuellen Kommunikationsformen. In die "Turnhalle" (sie liegt hinter dem Südflügel des Kulturbahnhofs, unbedingt den Plakaten und Pfeilen folgen!) kann man twittern, "was einfach mal gesagt werden muss", wie Tobias Hellwig erläutert. Über Megafon werden die Kurzmitteilungen laut ausgesprochen (www.tobiashellwig.de/tweaker). Philipp Teister und Kim Asendorf bilden Dialoge ab, die mittels Internetdienst Skype geführt wurden - Kunst, die dunklen Begierden, geheimen Sehnsüchten Ausdruck gibt.